Immer wenn ein hochgelobtes Franchise wie Civilization mit einem neuen Teil aufwartet muss es sich dem kritischen Blick der Fans stellen und ich kann guten Gewissens behaupten, dass Civilization VI der bisher beste Teil der Serie ist. Die Änderungen, Verfeinerungen und Ergänzungen, die Entwickler Firaxis eingeführt hat, schaffen ein Spiel, dass nicht nur komplex und tief ist – im Laufe von hunderten Runden und vielen Stunden Spielzeit macht es immer noch Spaß, ist spannend und bleibt bis zum Schluss unvorhersehbar – es bietet auch nach vielen Sitzungen immer neue Wege die eigene Zivilisation zum Sieg zu führen.

Trotz seiner vielseitigen Änderungen, ist es immer noch Civilization, wie man es kennt. Städtebau, die Erweiterung eures Reichs und der Aufbau der Armee fühlen sich sehr intuitiv an und man gelangt sehr schnell wieder ins Spiel. Ehe ihr euch verseht erforscht ihr neue Technologien, schaltet kulturelle Upgrades frei und formt mit Diplomatie, Handel, Krieg und – in diesem Teil neu dabei – Religion einen ganz eigenen Weg durch die Geschichte eurer Zivilisation. Es ist das wohl am besten mit Features vollgepackte Civilization, dass wir bisher spielen und erleben durften.

Die Grafik in Civilization 6

Im Vorfeld wurde die Grafik, beziehungsweise der leicht „comic-hafte“ Ansatz, schon heiss diskutiert und ich selbst war Anfangs nicht unbedingt überzeugt davon, aber der etwas buntere und karikaturisitsche Kunststil bringt dem Spiel mehr Charakter als je zuvor. Eine großartige Synchronisierung, wundervoll emotionale Animationen und ein fabelhaftes Charakter-Design verleihen jedem einzelnen Weltführer ein Gefühl von echter Persönlichkeit und die Karte selbst ist genauso herrlich. Ein Tag/Nacht-Zyklus und subtile kleine Bewegungen flößen jeder Fliese, jedem Bezirk und jeder Zivilisation Leben ein. Von der Art, wie der Ozean an die Ufer schlägt, bis hin zum glitzernden Gold eines Sonnenuntergangs am Fluss, der Ihr Reich halbiert, finden wir überall im Spiel kleine Details wie diese.

Civilization 6 Artwork - Quelle: 2K Games

Ein besonderes Vergnügen in Civilization 6 sind die unterschiedlichen musikalischen Themen für jede einzelne Zivilisation, von stechenden Streichern bis zu düsteren Cembalermotiven. Die exzellente musikalische Untermalung trägt nicht unwesentlich zu der entspannten Atmosphäre bei und lässt den Spieler die Zeit beim Spielen vergessen lassen.

Deutlich verbesserte Spielmechanik

Die größte mechanische Veränderung in Civilization 6 ist das Entstapeln von Städten. Das bedeutet, dass der Bau von Stadt-Verbesserungen über ein viel größeres Gebiet geschieht. Somit erschafft man sich regelrechte Metropolen mit den unterschiedlichsten Bezirken. Es geht dabei aber nicht nur um die optische Verschönerung der Städte, sondern hat auch einen strategischen Nutzen, denn mit dem Bau von Bezirken lassen sich Städte auf einen bestimmten Zweck hin spezialisieren. So schafft man sich aus seinen Städten wahre Denkfabriken in denen die fortschrittlichsten Technologien erforscht werden, militärische Stützpunkte zur Ausbildung großer Armeen oder kulturelle Brennpunkte mit den größten Wundern der Menschheit.

Civilization 6 Screenshot - Quelle: 2K Games

Um Ihre Zivilisation zum Erfolg zu führen müssen Sie Ihre Städte also sorgfältig planen um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein und all dies auch noch während Sie dauernd in diplomatischen Verhandlungen zu Peter von Russland oder Friedrich von Deutschland stecken, einen Krieg gegen Frankreich anzetteln oder versuchen Ihre Religion auf dem gesamten Planeten zu verbreiten. Anstatt nur eine Hauptstadt an der Küste zu platzieren, müssen Sie den Standort neuer Städte mit Voraussicht planen, ansonsten könnten unpassend gebaute Bezirke ihre Ziele für die kommenden Jahrhunderte unerreichbar werden lassen. Jede Fliese hat eine Reihe von Faktoren, von denen jede beeinflusst, was Sie dort bauen können – ein Wunder wie die Pyramiden von Gizeh kann zum Beispiel nur auf einer Wüstenfliese gebaut werden.

Zuerst kann dieses neue System verwirrend oder sogar frustrierend sein, aber die fantastisch gestaltete Benutzeroberfläche von Civilization 6 macht alle seine komplexen Entscheidungen und Systeme intuitiver denn je. Andere integrale Bestandteile des Spiels lassen sich ebenfalls einfacher verwalten als zuvor. Der Handel ist jetzt teilweise automatisiert, die Straßen erscheinen auf den Wegen, die die Händler auf ihren Handelsreisen zwischen den Städten durchs Land ziehen und ihre Spionage/-abwehr – zwar vereinfacht, aber immer noch eingehend und komplex – macht nun weniger Arbeit durch eine einfachere Zuweisung.

Was Civilization 6 aber auf Anhieb richtig gut hinbekommen hat und das nichts mit Grafik, Sound oder Vorgeschichte zu tun hat ist die Tatsache, dass es in jeder Runde etwas sinnvolles zu tun gibt. In früheren Teilen wurde es bisweilen etwas langwierig wenn es darum ging  Wunder zu bauen oder eine starke Armee auszuheben. Da konnte es schonmal passieren, dass man 10-20 Runden einfach nur weitergeklickt hat ohne wirklich aktiv auf der Karte zu sein. Nicht nur die Planung und der Bau der Bezirke und Wunder halten Sie auf Trab. Es gibt eine Fülle von Aufgaben in Diplomatie, Handel, Ausbau, Krieg oder Religion um Sie beschäftigt zu halten, auch wenn Sie mal mehrere Runden an einem wichtigen Gebäude bauen oder lange Wegstunden auf Erkundungstour durch die Lande verbringen.

Technologie, Politik und Kultur

Dies wird durch die neuen Progressionsbäume weiter diversifiziert. Während vorherige Civilization Ableger einen einzigen Technologiebaum hatten, um Ihr Volk durch die Geschichte zu geleiten, teilt Civilization 6 alle Ihre Fortschritte in zwei völlig getrennte Bäume auf. Der alte Technologiebaum bleibt weiterhin erhalten. Hinzu kommt ein neuer Weg, der sogenannte Civics-Baum, in dem sich alle kulturellen und politischen Errungenschaften erforschen lassen. Dies geschieht über die Kultur-Punkte, die man in dem Theaterbezirk oder mit bestimmten Gebäuden und Wundern generiert.

Nach und nach schaltet man so in Civilization 6 neue Regierungsformen frei in denen man die Bonuskarten einbinden kann. Diese geben ebenfalls eine klare Richtung vor und bieten bestimmte Boni, zum Beispiel auf Produktion von Gebäuden oder Einheiten einer bestimmten Klasse, Generierung von Wissenschaftspunkten oder einem simplen Angriffsbonus gegen Barbaren.

Die Politik ist ein fundamentaler Bestandteil jeder Zivilisation und diesem Umstand wurde mit dieser Neuerung Rechnung getragen. Es bietet zudem eine weitere Facette eines sowieso schon reichhaltigen Spiels.

„Heureka!“ – Mini-Quests in Civilization 6

Zwischendurch erlebt man immer wieder Heureka-Momente – teilweise auch ohne es vorher zu ahnen – bei der Erforschung neuer Technologien. Erfüllt man kleine Mini-Quests, zum Beispiel beim Bau einer bestimmten Einheit oder eines Gebäudes, halbiert sich die Forschungszeit auf die damit assoziierte Technologie. Damit wird es in manchen Bereichen deutlich vereinfacht bestimmte Forschungen schnell abzuschließen und man kann sich einen Vorteil gegenüber den anderen Zivilisationen erspielen wenn man speziell auf die Erfüllung dieser Quests hinarbeitet.

Baut man zum Beispiel seine erste Stadt am Wasser merkt man schnell, dass die Erforschung der Schiffahrt deutlich rasanter vonstatten geht. Es ist ein verhältnismäßig kleines Belohnungs-Feature, hat aber dennoch einen enormen Einfluss auf das Vorankommen eurer Zivilisation und somit auch auf die Erreichung des Spielziels.

Viele Wege führen zum Sieg

Die Siegbedingungen von Civilization 6 wurden ebenfalls grundlegend überarbeitet. Der Diplomatiesieg muss dem Religionssieg weichen. Letzteres ist jedoch nicht ganz so fein ausgearbeitet, wie es vielleicht sein sollte, denn es kommt schnell dazu andere Zivilisationen mit Ihren theologischen Einheiten zu „bombardieren“ um ihre Religion unter dem Volk der Gegner zu verbreiten. Der Kampf der Religionen selbst ist allerdings sehr schön anzusehen, denn eure Apostel schleudern Blitze vom Himmel um die Heretiker anderer Religionen zu eliminieren. Wenn überhaupt, dann ist es das Religionssystem, was meiner Meinung nach einer Überholung bedürfte.

Civilization 6 Artwork - Quelle: 2K Games

Während die Diplomatie als Siegbedingung gestrichen wurde, verfeinert und verbessert Firaxis das diplomatische System im Spiel. Anstatt zu versuchen, einen menschlichen Spieler durch eine KI zu ersetzen, setzt Civilization 6 nun verschiedene Agenden ein, um den einzelnen Führern bestimmte Verhaltensmerkmale zu verleihen.

Jeder gegnerische Herrscher hat zwei Agenden: der erste ist ein historischer Charakterzug des jeweiligen Anführers. Friedrich von Deutschland hasst Stadtstaaten und diejenigen, die sich mit ihnen verbünden, während Philip von Spanien jede Zivilisation, die einer anderen Religion als seiner eigenen folgt, verabscheut. Er kann es absolut nicht leiden, wenn Sie beginnen, Ihren Glauben in seine Reihen zu verbreiten.

Die zweite Agenda ist versteckt und zufällig ausgewählt und verleihen dem Gegner unerwartete Verhaltensweisen, die Ihre diplomatischen Beziehungen beeinflussen. Dieses System spendiert Civilization 6 eine große charakterliche Vielfalt, so dass jede Persönlichkeit ihre eigenen konkreten Verhaltensmuster aufweist und jede Runde zu einem interessanten Spiel macht.

Das Fazit zu Civilization 6

Strategie-Spiele wie Civilization 6 leben und sterben mit der Komplexität der zu treffenden Entscheidungen und der Zufriedenheit, die eine richtige Wahl auslöst. Kann man die Frustration bei den Spielern niedrig halten hat man meist schon die halbe Miete geschafft. Untermalt man es dann noch mit wundervoll atmosphärischer und stimmiger Musik, hervorragendem Gameplay, ausgeklügelten Diplomatie-, Handels- und Wirtschaftssystemen und einer schönen Grafik hat man auch schon einen Titel wie Civilization 6 vor Augen.

Ich selbst bin ein langjähriger Fan der Reihe (den Einstieg in das Genre habe ich mit Colonization gemacht) und meiner bescheidenen Meinung nach ist der aktuelle Ableger einer der besten überhaupt. Man merkt förmlich wieviel (Entwickler-)Herzblut in diesem Meisterwerk steckt.

Ich habe lediglich einen marginalen Kritikpunkt: Das Religionssystem sollte dringend überarbeitet werden, denn auch wenn die Kämpfe unter den Aposteln wirklich schön anzusehen ist bleibt doch die eigentliche Verbreitung des Glaubens ein einziges Spamming von theologischen Einheiten. Daher kann ich es kaum Verstehen warum der Religionssieg auf Kosten des Dilpomatiesiegs Einzug in das Spiel gehalten hat. Nun ja, ein kleiner Wermutstropfen lässt sich überall finden.

Wo die vorherigen Teile das Fundament gelegt haben baut Civilization 6 ein spielerisches Meisterwerk auf. Abgesehen von den kleinen Fehlern kann ich das Spiel jedem empfehlen.

Grafik // 85%
Sound // 93%
Gameplay // 91%
Langzeitmotivation // 95%

Civilizaion 6 ist seit dem 21. Oktober 2016 verfügbar und kann hier erworben werden.

Quellen: 2k Games